Ist meine Klientin depressiv oder einfach nur schlecht drauf?

2. März 2018

Ist mein Klient depressiv oder einfach nur schlecht drauf?

Wie kann ein Coach/Therapeut den Unterschied zwischen Trauer, Stimmungstief, Depression, Burn-out oder einfach schlechter Laune einschätzen? Dies war der Beginn einer spannenden Diskussion in der letzten Psychopathologie Fachweiterbildung. In der Tat, eine Fragestellung, die nicht einfach zu beantworten ist.

Wir alle wissen, dass der Trauerprozess zum Leben gehört und bestenfalls unterstützt oder begleitet werden sollte. Nur wie lange darf ein Mensch nach einem heftigen Schicksalsschlag trauern und ab wann muss er wieder voll leistungsfähig sein? Die zeitliche Dimension ist nirgends von der Natur festgelegt. War im Mittelalter der Tod noch ein ständiger Begleiter und auch der Kindstod nicht selten, fällt der Umgang mit dem Tod heute vielen sehr schwer. Schnell fällt das Wort „depressiv“.

Selbstverständlich ist der Umgang mit dem Tod ein individuelles Empfinden, doch wie reagiert die Umwelt, die Angehörigen oder der Arbeitsplatz? Da ist es einfacher, sich mit der Diagnose Depression krankschreiben zu lassen, statt sich der Häme und den Fragen zu stellen. Auch die Forschung ist sich nicht einig, ab wann eine Trauer eine psychische Erkrankung sein soll. Ein Thema, über welches nach wie vor debattiert wird.

Licht ins Dunkel

Frau Dr. Birgit Wagner hat in einem aufklärendem Artikel im Psychotherapeuten Journal (3/2016) einen Überblick über den Forschungsstand in diesem besonderen und nicht minder komplexen Thema gegeben. Sie beschreibt darin zahlreiche Kriterien, die nicht einstimmig geklärt sind. Der Titel: Wann ist eine Trauer eine psychische Störung?. Hier der Link auf das PDF des Artikels (Hier klicken)

Von aussen betrachtet ist die Grenze sehr schwer zu ziehen. Und selbst für Betroffene ist es schwierig einzuschätzen, ab wann professionelle Hilfe in Anspruch genommen werden soll. Eine Faustregel: Eine Verstimmung verbessert sich nach Tagen von alleine.

Der Psychiater Jefferson Price und die Psychologin Shelley Carson beschreiben in ihrem Buch Almost Depressed (Hier klicken) eine subklinische Depression. Diese geht einer mittelschweren und schweren Depression voran. Also die Phase, in der die Erkrankung noch ausserhalb der Diagnosekriterien einer Depression liegen.

Die sogenannten „Fast Depressive“ erleben ihre grauen Tage (Gray days) über Tage und Wochen. Sie sind mit ihrem Leben unzufrieden und erleben ihre Beziehungen zu anderen Menschen als unzufriedenstellend. Hinzu kommen Angst und körperliche und psychische Stresssymptome.

Was der Coach / Therapeut tun kann

Auf der Ebene von fast depressiv kann ein Coach mit professionellen Tools intervenieren und frühzeitig die Weichen für einen anderen Weg stellen. Vorausgesetzt wird, dass eine fundierte Anamnese und Exploration durchgeführt wird. Beide sind von grosser Wichtigkeit in dieser Phase des Lebens des Klienten.

Folgende 10 Fragen bringen Klarheit in die Situation und erste Indizien:

  1. Fühlt sie/er sich seit längerer Zeit durchgängig traurig, niedergeschlagen oder hoffnungslos?
  2. Empfindet sie/er keine Freude, kein Vergnügen mehr?
  3. Ist sie/er ständig müde, erschöpft?
  4. Hat sie/er keinen Appetit mehr, hat sie/er sogar abgenommen, ohne dies zu wollen?
  5. Schläft sie/er seit längerer Zeit schlecht, leidet sie/er unter Ein- und Durchschlafstörungen?
  6. Fühlt, bewegt und denkt sie/er mit angezogener Handbremse oder wie unter Strom?
  7. Hat sie/er sein sexuelles Interesse verloren?
  8. Fühlt sie/er sich wertlos, unfähig, als Versager, quälen sie/ihn Schuldgefühle?
  9. Hat sie/er seit längerer Zeit auffällige Konzentrationsschwierigkeiten?
  10. Denkt sie/er manchmal über den Tod nach oder darüber, sich etwas anzutun?

Wenn der Klient mindestens 4 Fragen mit Ja beantwortet, leidet er mit grosser Wahrscheinlichkeit an einer Depression und der Coach sollte ihm eine professionelle Hilfe empfehlen. Spätestens jetzt ist es sinnvoll, Adressen und ein professionelles Netzwerk in petto zu haben, damit er seinem Klienten wertvolle Unterstützung bieten kann.

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Kursinformationen

Mit Coaching und Therapie Menschen zu helfen ist ein verantwortungsvoller Beruf, bei dem nicht immer klar ist, wo die Grenzen sind. Oft sind Klienten in psychotherapeutischer Betreuung besser aufgehoben, manchmals ist ein Coaching besser. In dieser Fachweiterbildung «Basiswissen Psychopathologie» zeigt Dir Sylvia Bandini wo die Grenzen zwischen Coaching und Therapie liegen, und wie in Grenzbereichen wie Suizidialiät und mit Psychopharmaka verfahren werden sollte. Damit Dein Coaching keine Gratwanderung wird. 

Silvia Bandini

Silvia Bandini

Silvia Bandini ist Coach und Supervisorin BSO. Sie hat über 15 Jahre die Station einer psychiatrischen Klinik geleitet. Elementares Wissen, dass sie bei MGP an Coaches und Therapeuten weitergibt.

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