Coachingthema: Sexueller Missbrauch?

23. Mai 2018

Vor kurzem kam eine neue Klientin mit einem klaren Coachingauftrag zu mir. Ihr Ziel: Eine gute Balance zwischen Arbeit und Freizeit finden und besser Prioritäten setzen können. Sie hatte sich vor einigen Monaten selbständig gemacht und arbeitet zusätzlich 50% in einer sozialen Institution. Die Dame ist 50-jährig und wirkt auf mich bodenständig, engagiert und kompetent. Das erworbene Wissen aus zahlreichen Aus- und Weiterbildungen will sie nun in ihrer neugegründeten Gesellschaft ein- und umsetzen. Auch erste Aufträge hat sie bereits.

In der ersten Sitzung machen wir eine Auslegeordnung. Sie überlegt und entscheidet, welche der Themen die wichtigsten für sie sind und welche sie weiterdelegieren könnte.

Du bist nicht gut genug!

In der zweiten Sitzung geht es ihr vor allem um blockierende Glaubenssätze. Obwohl sie offensichtlich fachlich sehr kompetent ist, kann sie kein gut gemeintes Feedback von ihren Kunden und Vorgesetzten annehmen. Sie glaubt, ihr Wissen würde nicht genügen. Der Glaubenssatz, den wir identifizieren, ist: «Ich bin nicht gut genug!»

Auf die Frage, ob dieser Glaubenssatz schon früher ein Thema gewesen sei, erzählt sie mir von ihren traumatischen Erlebnissen. Sie wurde bis zu ihrem 16. Lebensjahr von ihrem Vater und von ihrem Onkel sexuell missbraucht. Und dies obwohl ihre Mutter davon wusste. Da in dieser Zeit auch ihre schulischen Leistungen nachliessen, wurde sie oftmals von ihrer Mutter kritisiert. Sie tat das mit dem Satz: «Du bist nicht gut genug.»

Im ersten Moment, als ich das hörte, war ich von ihrer Leidensgeschichte geschockt und ich überlegte mir, wie und ob ich das Coaching weiterführen sollte. Die andere Frage, die ich mir stellte, war, ob ich das Coaching überhaupt weiterführen kann. In gleich darauffolgenden Sätzen versicherte sie mir, dass sie bereits mit einer Psychotherapeutin das Trauma bearbeitet hat und schon lange stabil sei.

Stabilisierung ist wichtig

Damit war mir einerseits klar, dass der limitierende Glaubenssatz ein Muster aus ihrer Kindheit war. Andererseits wusste ich, dass ich mit dem Muster im Coaching-Setting weiter arbeiten kann aufgrund ihrer Stabilität aus der vorangegangenen Verarbeitung in der Psychotherapie.

Mir wurde einmal mehr bewusst, welche Grenzen im Coaching auftauchen können und wie aus einem anfänglichen klaren Coaching-Auftrag ein Thema für die Psychotherapie entstehen könnte. Mit meiner langjährigen Erfahrung in der Psychiatrie und im Umgang mit traumatisierten Frauen weiss ich, wie wichtig es ist, dass zur Stabilisierung zuerst ein «sicherer, innerer Ort» gefunden werden muss, bevor das Thema Missbrauch sicher angegangen werden kann, und zwar in der Führung eines qualifizierten Therapeuten.

Zum Wohle des Klienten

Für die darauffolgenden Coaching-Sitzungen nahm ich an, dass der Missbrauch vermutlich kein Thema mehr werden wird. Daher habe ich mit NLP Interventionen zum Verändern von blockierenden Glaubenssätzen und dem Etablieren von Ressourcen gearbeitet. Während des ganzen Coaching-Prozesses achte ich darauf, ob die Thematik des Missbrauchs wieder auftaucht. Ich hätte in diesem Fall sofort zum Schutze meiner Klientin intervenieren und therapeutische Hilfe beiziehen müssen.  Im Zweifelsfall gilt im Coaching der Grundsatz: Zum Wohle des Klienten.

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Kursinformationen

Mit Coaching und Therapie Menschen zu helfen ist ein verantwortungsvoller Beruf, bei dem nicht immer klar ist, wo die Grenzen sind. Oft sind Klienten in psychotherapeutischer Betreuung besser aufgehoben, manchmals ist ein Coaching besser. In dieser Fachweiterbildung «Basiswissen Psychopathologie» zeigt Dir Sylvia Bandini wo die Grenzen zwischen Coaching und Therapie liegen, und wie in Grenzbereichen wie Suizidialiät und mit Psychopharmaka verfahren werden sollte. Damit Dein Coaching keine Gratwanderung wird. 

Silvia Bandini

Silvia Bandini

Silvia Bandini ist Coach und Supervisorin BSO. Sie hat über 15 Jahre die Station einer psychiatrischen Klinik geleitet. Elementares Wissen, dass sie bei MGP an Coaches und Therapeuten weitergibt.

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